Warum Westernreiten mehr ist als langsam

Westernreiten Philipp Dammann

Wer beim Westernreiten nur an langsamen Jog, entspannten Lope und Pferde mit tief getragenem Kopf denkt, sieht nur einen kleinen Teil davon. Denn gutes Westernreiten bedeutet nicht, ein Pferd einfach möglichst langsam werden zu lassen.

Im Gegenteil: Entscheidend sind Takt, Balance, Losgelassenheit, Selbsthaltung und eine aktive Hinterhand. Die Bewegungen sollen leicht aussehen, weil das Pferd sich selbst trägt und fein auf die Hilfen des Reiters reagiert.

Langsam ist nicht automatisch gut

Gerade der Jog wird häufig mit „möglichst langsam“ verbunden. Doch die Geschwindigkeit allein sagt nichts über die Qualität der Gangart aus.

Ein korrekter Jog hat einen klaren und regelmäßigen Zweitakt. Das Pferd soll losgelassen laufen, eine ruhige Oberlinie zeigen und sich gut dirigieren lassen. Bei einem guten Jog kommen Balance, eine aktive Hinterhand und gleichmäßige Trittlängen hinzu. Ein ausgezeichneter Jog wirkt schließlich mühelos, leichtfüßig und effizient. Das Pferd trägt sich selbst und lässt sich mit minimalen Hilfen reiten.

Wird ein Pferd dagegen einfach nur immer langsamer, kann genau das verloren gehen. Ein stockender Bewegungsablauf, fehlender Takt oder mangelnde Balance sind keine Zeichen für besonders gutes Westernreiten.

Westernpferde müssen auch vorwärts können

Dass Westernreiten keineswegs nur aus langsamen Gangarten besteht, zeigen schon Extended Jog, Trot und Extended Lope.

Beim guten Extended Jog soll das Pferd seine Tritte deutlich verlängern und seinen Rahmen erweitern. Interessant dabei: Es soll nicht einfach deutlich schneller werden, sondern elastisch und gleichmäßig mehr Boden gutmachen.

Auch im Extended Lope werden die Galoppsprünge rhythmisch verlängert. Der Rahmen des Pferdes erweitert sich, während eine aktive Hinterhand und eine stabile Oberlinie erhalten bleiben.

Genau darin liegt eine wichtige Fähigkeit eines gut ausgebildeten Westernpferdes: Tempo und Rahmen verändern zu können, ohne dabei Takt, Balance und Qualität zu verlieren.

Die Hinterhand spielt eine entscheidende Rolle

Viele Bewegungen, die beim Westernreiten scheinbar mühelos aussehen, entstehen nicht dadurch, dass vorne weniger passiert. Entscheidend ist vielmehr, was von hinten kommt.

Die Ausbildungsskala der Westernreitlehre beschreibt die Aktivierung der Hinterhand so, dass das Pferd aktiv unter seinen Schwerpunkt tritt. Die Bewegung soll über einen schwingenden Rücken nach vorne weitergegeben werden.

Auch im Lope zeigt sich das deutlich. Ein guter Galopp zeichnet sich unter anderem durch Balance, Selbsthaltung, eine ruhige Oberlinie und eine willige Reaktion auf die Reiterhilfen aus.

Die ruhige Optik eines guten Westernpferdes entsteht also nicht durch fehlende Aktivität. Sie entsteht durch kontrollierte Aktivität.

Ein tiefer Kopf allein macht noch kein Westernpferd

Ähnlich hartnäckig wie das Vorurteil vom langsamen Westernpferd ist die Vorstellung, dass der Kopf möglichst tief getragen werden müsse.

Doch auch hier ist nicht „je tiefer, desto besser“ gefragt.

Eine korrekte Oberlinie orientiert sich am Exterieur des jeweiligen Pferdes. Wird der Kopf dauerhaft zu hoch getragen, kann der Rücken hohl werden und der Schub aus der Hinterhand verloren gehen. Wird er dagegen dauerhaft zu tief getragen, kann das Pferd schwer auf die Vorhand kommen und Leichtigkeit sowie Bewegungsfluss verlieren. In beiden Fällen leidet die Selbsthaltung.

Ziel ist deshalb eine natürliche, entspannte Haltung mit einem positiven Spannungsbogen, Balance und Selbsthaltung.

Westernreiten bedeutet Körperkontrolle

Wie vielseitig die Anforderungen sind, wird besonders bei den einzelnen Manövern deutlich.

Ein Galoppwechsel muss beispielsweise beim fliegenden Wechsel innerhalb eines Galoppsprungs erfolgen. Vorder- und Hinterbeine sollen dabei im selben Galoppsprung wechseln.

Beim Rückwärtsrichten wiederum geht es nicht einfach darum, dass das Pferd irgendwie rückwärtsläuft. Ein gutes Back Up soll gerade, ruhig, balanciert und weich fließend sein. Die Hinterhand bleibt aktiv und der Zügelkontakt minimal.

Sidepass, Leg Yield und Two Track stellen noch einmal andere Anforderungen an Koordination und Körperkontrolle. Je nach Lektion bewegt sich das Pferd seitwärts oder vorwärts-seitwärts, während Vorder- und Hinterbeine koordiniert überkreuzen.

Und selbst ein Stop ist mehr als einfach „stehen bleiben“. Das Pferd soll ausbalanciert anhalten, gerade bleiben und dabei mit der Hinterhand mehr Last aufnehmen, während die Vorhand leicht bleibt.

Philipp Dammann und MJ Princess Blue
Philipp Dammann und MJ Princess Blue

Das Ziel: möglichst wenig sichtbare Hilfen

Vielleicht liegt genau hier einer der Gründe, warum gutes Westernreiten von außen manchmal so unspektakulär wirkt.

Die Ausbildung zielt darauf ab, dass das Pferd immer mehr Balance und Selbsthaltung entwickelt. In der höchsten Stufe der Ausbildungsskala wird die absolute Durchlässigkeit beschrieben: Das Pferd stellt dem Reiter seine Kraft zur Verfügung, erhält seine natürliche Selbsthaltung und lässt sich mit minimalen Hilfen reiten.

Dass ein Reiter scheinbar wenig macht, bedeutet also nicht, dass wenig passiert.

Im Idealfall ist genau das Gegenteil der Fall.

Westernreiten ist nicht langsam – sondern kontrolliert

Ein gutes Westernpferd muss langsam gehen können. Es muss aber genauso seinen Rahmen erweitern, vorwärtsgehen, rückwärtsrichten, seitwärts treten, Übergänge meistern und seinen Galopp wechseln können.

Dabei sollen Takt, Losgelassenheit, Raumgriff, Elastizität, Gleichgewicht und ein schwingender Rücken erhalten bleiben. Genau diese Punkte werden auch als zentrale Bewegungsmerkmale eines guten Westernpferdes beschrieben.

Westernreiten bedeutet deshalb nicht, möglichst langsam zu reiten. Es bedeutet, Geschwindigkeit, Richtung und Bewegung so kontrollieren zu können, dass das Pferd dabei in Balance, losgelassen und möglichst selbstständig bleibt.

Und vielleicht ist genau das die eigentliche Kunst:
Dass etwas, hinter dem sehr viel Ausbildung steckt, am Ende ganz leicht aussieht.




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